Perspektiven

 

900x622       Daniel Fueter, Pianist

Rea und Niklaus erzählen in diesem Blog von der Gleichzeitigkeit von Räumen in der Musik von Charles Ives. Wie ich daran denke, fällt mir im Hinblick auf Ives’ Umgang mit Texten beim Üben und Proben eine Parallele auf: Er beleuchtet sie aus wechselnden Perspektiven

Sein Vorgehen erinnert an die Aspektive der Ägypter: Auf demselben Fries werden Objekte mal von oben, mal von der Seite, mal von vorn gesehen. In ähnlichem Wechsel schaut Ives’ Musik auf die Texte. Es gibt illustrierende Momente, gestische Umsetzungen der Worte kommen vor, Zitate schaffen Zusammenhänge, ein musikalisches Klima schafft Hintergründe, kompositorische Strukturen verweisen vom Konkreten ins Allgemeine und so weiter und so fort. Auf zwei Dimensionen hinuntergebrochen ergibt das wechselnde Räume.

Diese Wechsel der Perspektiven erfolgen nicht nur von Lied zu Lied, sondern auch innerhalb einzelner Lieder. In dieser Hinsicht ähneln die Lieder oft Collagen. Dieser Wechsel der Ansicht schafft Aufmerksamkeit, macht Vergnügen, erzeugt Distanz und lässt eine ungeahnte Vielfalt zu

Musikalische Überlegungen diktieren die jeweilige Anschauung. Deshalb scheint mir Ives näher bei der barocken Tradition als bei der Klassik, näher bei Brahms als bei Schumann, näher bei Mahler als bei Wolf. Die Vergleiche sind alle müssig. Ives ist sich selber nahe. Aber ich nähere mich einigermassen hilflos und immer staunend und versuche aus meinem Fundus Erfahrungen wach zu rufen, die einer Annäherung zuträglich sind

Von wegen wach: Klar ist, dass Ives – auch wenn er Träume in Musik setzt – immer hellwach ist. Er ist auch der Süsse nicht verfallen, er geniesst sie bei vollem Bewusstsein.

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