Archiv für den Monat: November 2014

Zitieren

527x675  Tomas Bächli, Pianist

Charles Ives liebt es, in seinen Kompositionen andere Musik zu zitieren, umzuformen und wiederzuverwerten. Nicht nur, was im Konzertsaal gespielt wurde, sondern auch die frommen Hymnen aus der Kirche und die Schlager – als Hörer müsste man die gesamte Musik der damaligen Zeit präsent haben, Amerika zu Anfang des 20. Jahrhunderts.

Oft tippt Ives ein Musikstück nur kurz an, das Zitat besteht aus wenigen Tönen. Dann ist es natürlich schwer auszumachen, ob es sich dabei um Absicht oder Zufall handelt. Ein Beispiel: In seiner Sinfonie “Aus der neuen Welt” wollte Antonin Dvořak mit dem Thema des berühmten Englisch-Horn-Solos aus dem langsamen Satz die Musik der amerikanischen Ureinwohner heraufbeschwören. Mit den ersten drei Tönen dieses Themas beginnt Ives nun jenes Lied, mit dem er das berühmteste deutsche Gedicht vertont: “Over All the Treetops is Rest”. Vielleicht ist es keine Absicht – auf jeden Fall jedoch eine hübsche Koinzidenz!

Walking I

527x675 Tomas Bächli, Pianist

Now we strike a steady gait
walking towards the future
letting past and present wait
we push on in the sun

Wir wissen nicht, wie viele es sind, die im Lied “Walking” von Charles Ives der Zukunft entgegen gehen. Vielleicht ist es die ganze Menschheit. Die Musik verrät, dass alle etwa etwa im gleichen Tempo gehen. Dennoch wird dieser gemeinsame Puls unterschiedlich wahrgenommen. Die meisten zählen brav auf zwei oder vier, schliesslich hat der Mensch zwei Beine, weshalb Wanderlieder und Märsche gerade Taktarten haben. Einigen ist das zu langweilig, sie zählen auf drei, sodass die Eins einmal auf das rechte und einmal auf das linke Bein kommt. Andere gehen einen Schritt voraus, also im Kanon, ein paar wenige scheren sogar aus und gehen für einen Moment synkopisch zum Grundschlag.

All das geschieht in der Klavierbegleitung dieser vier Zeilen. In dieser Polymetrik steckt eine Utopie: Ives komponiert die Möglichkeit, dass sich Menschen gemeinsam in eine Richtung bewegen und doch jeder seine Eigenheit behält.

Charles Ives: Walking

A big October morning,
the village church-bells,
the road along the ridge,
the chestnut burr and sumach,
the hills above the bridge
with autumn colors glow.

Now we strike a steady gait,
walking towards the future,
letting past and present wait,
we push on in the sun,
Now hark! Something bids us pause…

(down the valley, a church, a funeral going on)
(up the valley, a road-house, a dance going on)

But we keep on a walking,
’tis yet not noon-day,
the road still calls us onward,
today we do not choose to die
or to dance, but to live and walk.