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Walking II

 

 

527x675   Tomas Bächli, Pianist

„the village church bells“: das komplexe Klangspektrum der Glocken hat Ives immer wieder fasziniert. Einer Anekdote nach hat sein Vater George versucht, eine Glocke auf dem Klavier zu imitieren und dabei festgestellt, dass die temperierten Halbtöne des Klavier dazu nicht ausreichen, für den Sohn ein Anlass, sich mit Mikrotönen zu beschäftigen. So weit ist er im Lied “Walking” noch nicht gegangen, die beiden Glocken werden als Klavierakkorde dargestellt: contra Ais-cis‘-gis‘-dis‘‘ sowie D-h-fis‘-h‘, Klänge, die wir als reine Sounds wahrnehmen, nicht als Funktionen innerhalb einer Tonart. Dass es sich bei der zweiten Glocke um einen schlichten Sextakkord in h-moll handelt, merken wir erst, wenn beim Trauermarsch das Tempo heruntergedrosselt wird. Plötzlich hören wir dann den schlichten Molldreiklang – es tötelet gewaltig. Aber nur kurz, im nächsten Moment bringen die frischen Dissonanzen Energiezufuhr.

„But to live and walk“ so schliesst das Lied, die Anweisung an die Spieler: immer leiser werden aber keinesfalls langsamer. Der Bass endet mit einer Tritonusbewegung, einem schwebenden Intervall, das keine Hierarchie kennt (ganz im Gegensatz zum Quint“fall“). Das Lied ist zuende, die Reise nicht.

 

Wo er lebt, wie er lebt

900x597     Eva Nievergelt, Sopran
In Ives‘ Musik erfahren wir, wo er lebt und wie er lebt – ohne dass es jemals plakativ wirkt. Dafür hat Ives eine eigene Form entwickelt.
Seine Musik öffnet Tore zur Welt und Tore zum Tod, das läuft alles über die Sinne und übers Gehör. Ein Beispiel dafür ist das kurze Lied “Maple Leaves” oder auch “Walking”.
An Ives schätze ich die Freiheit, die er seinen Musikern lässt, man hat bei ihm die Möglichkeit, Musik ganz persönlich zu gestalten. Diese Musik macht einem Mut, auch das traditionelle Repertoire individueller aufzuführen.

 

 

 

Perspektiven

 

900x622       Daniel Fueter, Pianist

Rea und Niklaus erzählen in diesem Blog von der Gleichzeitigkeit von Räumen in der Musik von Charles Ives. Wie ich daran denke, fällt mir im Hinblick auf Ives’ Umgang mit Texten beim Üben und Proben eine Parallele auf: Er beleuchtet sie aus wechselnden Perspektiven

Sein Vorgehen erinnert an die Aspektive der Ägypter: Auf demselben Fries werden Objekte mal von oben, mal von der Seite, mal von vorn gesehen. In ähnlichem Wechsel schaut Ives’ Musik auf die Texte. Es gibt illustrierende Momente, gestische Umsetzungen der Worte kommen vor, Zitate schaffen Zusammenhänge, ein musikalisches Klima schafft Hintergründe, kompositorische Strukturen verweisen vom Konkreten ins Allgemeine und so weiter und so fort. Auf zwei Dimensionen hinuntergebrochen ergibt das wechselnde Räume.

Diese Wechsel der Perspektiven erfolgen nicht nur von Lied zu Lied, sondern auch innerhalb einzelner Lieder. In dieser Hinsicht ähneln die Lieder oft Collagen. Dieser Wechsel der Ansicht schafft Aufmerksamkeit, macht Vergnügen, erzeugt Distanz und lässt eine ungeahnte Vielfalt zu

Musikalische Überlegungen diktieren die jeweilige Anschauung. Deshalb scheint mir Ives näher bei der barocken Tradition als bei der Klassik, näher bei Brahms als bei Schumann, näher bei Mahler als bei Wolf. Die Vergleiche sind alle müssig. Ives ist sich selber nahe. Aber ich nähere mich einigermassen hilflos und immer staunend und versuche aus meinem Fundus Erfahrungen wach zu rufen, die einer Annäherung zuträglich sind

Von wegen wach: Klar ist, dass Ives – auch wenn er Träume in Musik setzt – immer hellwach ist. Er ist auch der Süsse nicht verfallen, er geniesst sie bei vollem Bewusstsein.

Grossmutter Amerika

373x675  Eriko Kagawa, Pianistin

Wenn man Lieder von Ives mit geschlossenen Augen hört, breitet sich Sehnsucht aus.

Sehnsucht nach der ewigen Natur, nach einem unendlich weiten Horizont.

Ich erinnere mich an meine Kindheit, an Großmutter Amerika!

Meine Großmutter summte ein amerikanisches Volkslied, und wenn sie das summte, war sie immer besonderes heiter. Amerikanische Zigaretten, Kirchengesang – wie ein Duft kommt es zu mir zurück.

Seine Lieder jammern nicht. Unser Alltag, Leidenschaft oder romantische Gefühle, Traurigkeit, Trauer – alles ist so klein und doch von großer Natur.

 

13.11.2014, Todestag meiner Mutter Eriko Kagawa

X-Rated

527x675  Tomas Bächli, Pianist

Manche Songs sind regelrechte Hits. Diesen folgt meistens ein sarkastischer Kommentar des Komponisten. Zum sentimentalen „On the Counter“ schreibt Ives: „Obwohl die Gefahr klein ist, soll dieser Song nicht ernstgenommen oder gesungen werden; wenigstens nicht in der Öffentlichkeit“. Das herzzerreissende „In the Alley“ kommentiert er mit der Frage: “Was ist schlechter, die Musik oder der Text?“ Solche Lieder solle man auch keineswegs Schülern zeigen, „ausser als Beispiel dafür, was nicht gesungen werden soll“.

Ganz ernst kann es Ives damit nicht gewesen sein, schliesslich hat er diese Lieder ja selbst veröffentlicht. Die Ironie, die ich heraushöre, bezieht sich weniger auf die Lieder als auf die Person des Kommentators selbst. Es ist ein strafendes Überich, das hier spricht: “Schon wieder hast du’s getan… Was werden wohl deine Kollegen von dir denken!“

Vielleicht ging es ihm einfach um den Werbeeffekt. Denn auch das Verdikt der Geschmackszensur erweckt Aufmerksamkeit. Wahrscheinlich wusste Ives, dass manche der seriösen Damen und Herren, die auf Konzertpodien auftreten, auch gerne einmal einen Abstecher ins musikalische Rotlichtmilieu unternehmen. Nur für die Zugabe, versteht sich.

Sängerfreundlich

340x453 Monika Brustmann, Sopran

Das Klavier spielt zu Anfang des Lieds “from Paracelsus” moderne Musik, voller Spaß und Lebensfreude. Man hört es gern, aber es ist etwas ganz Neues. Sobald jedoch der Gesang einsetzt, kommen Harmonien, die man auch von Brahms kennt. Das elegische Element ist sofort da. Nach dem Chaos im Klavier lässt Ives uns das Gleichgewicht wieder finden. Das ist sehr sängerfreundlich komponiert: Als Sängerin weiß ich sofort wieder, wo ich mich befinde. Deshalb sind die Lieder von Ives so leicht zu lernen und machen so viel Spaß. Man hat alles, was man sich von einem Komponisten wünschen kann!

Der Marsch der Randständigen gen Himmel

900x650   Niklaus Kost, Bariton

 449x675  Rea Claudia Kost, Mezzosopran

Es ist, als sässen wir im Sommer in unserem Garten. Ein Nachbarjunge übt leidlich Trompete, eine Nachbarin hört bei offenem Fenster klassische Musik, zwei Kinder singen auf der Strasse ein einfaches Lied, durchs geschlossene Fenster der anderen Nachbarn dringt leise Salsa und vom See her dröhnt der Soundtrack des Freiluftkinos.
Ives hätte eine solche Szene zu grandioser Musik machen können. In seinem Lied General William Booth enters into Heaven hören wir den Heilsarmeegründer mitsamt einer bunten Truppe durcheinandermusizierender Randständiger gen Himmel marschieren.

Kein E und kein U

900x650   Niklaus Kost, Bariton

 449x675  Rea Claudia Kost, Mezzosopran

Die Lieder von Charles E. Ives sind Grossstadt-Musik. Niemand ruht hier still im hohen grünen Gras, kein Fink macht Zink, kein rauschendes Bächlein, so silbern und hell. Das Schubertsche Bächlein wird bei Ives von The New River abgelöst:
Down the river comes a noise!
It is not the voice of rolling waters.
It’s only the sound of man,
Phonographs and gasoline,
Dancing halls and tambourine;
Killed ist the blare of the hunting horn,
The River Gods are gone.
Während die meisten Komponisten vor ihm von einer Stille ausgingen, die mit Klang erfüllt wird, entnimmt der New Yorker Charles Ives seine Klänge der konstanten Geräuschkulisse der Stadt. Er blendet etwas ein, anderes aus oder lässt alles gleichzeitig nebeneinander klingen. Ob Kirchenchoral, Gassenhauer oder die eigene Violinsonate: Bei Ives ist Musik Musik, da gibt es kein E und kein U.

Aufhören, wenn es am schönsten ist?

527x675  Tomas Bächli, Pianist

Einige Songs von Charles Ives enden unvermutet auf der Subdominante, d.h. auf der vierten statt auf der erwarteten ersten Stufe. Meist wird der abschließende Quintfall noch einmal wiederholt. Deshalb landen wir eine Etage zu tief, nämlich auf der Subdominante statt auf der Tonika.

Was sind die Gründe dafür? Als Ives während seines Musikstudiums die erste Sinfonie schrieb, bemängelte sein Lehrer Horatio Parker die vielen Modulationen. Ives musste ihm versprechen, das Stück wenigstens in der Grundtonart d-moll zu beenden.

War das der Grund für Ives’ spätere Unlust, sich an diese Regel zu halten? Im Lied “Religion” wird am Ende das Kirchenlied “Nearer my God to Thee” im Klavier zart angedeutet. Doch nach der ersten zitierten Zeile endet Ives’ Lied – eben auf der Subdominante. Will Ives uns damit sagen, man solle aufhören, wenn es am schönsten ist?

Der Quintfall ist auch eine Geste des Nachgebens. Wird er verdoppelt, dann gibt die Musik nicht nur nach, sie gibt womöglich auf. Zu hören ist dies beim Subdominanten-Schluss von “Spring Song”, einem Lied mit einer ansonsten konventionellen Harmonik. Der Sänger endet mit den Worten: “I only heard her not and, and wait – and wait -“. Dann eine Zäsur und im Klavier der abschließende Akkord auf der Subdominante, im ppp. Will heißen: Das erhoffte Treffen mit der Geliebten blieb wohl aus.

Ohren, Kopf und Finger

900x622  Daniel Fueter, Pianist

Ives-Lieder üben bedeutet fortwährende Überraschung für Ohren, Kopf und Finger. Und immer reichen bei mir Fassungsvermögen, Geistesgegenwart und Fingerfertigkeit nicht aus. Diese Musk ist unmöglich grossartig.Ich benehme mich beim Üben Ives gegenüber rebellisch und andächtig zugleich. Und vielleicht passt das ja zu ihm. Das wäre tröstlich. Also gehe ich weiter üben. Es macht ja auch Spass.